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Chinesen bedrohen die Position von Daimler

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 11.03.2010

Seit Andreas Renschler Chef der Nutzfahrzeugsparte von Daimler ist (seit 2004), bemüht sich der gebürtige Stuttgarter, die Sparte auf die üblichen heftigen Schwankungen des Lastwagengeschäfts auszurichten. Als schlimmster anzunehmender Fall galt nach Renschlers Worten eigentlich ein Einbruch von 30 Prozent. An diese Messlatte hat er den Lastwagenbau angepasst. Renschler: "Insgesamt können wir durch die Flexibilität unserer deutschen Werke Markteinbrüche von 30 Prozent ohne Probleme verkraften."

Im vorigen Jahr ist es allerdings noch schlimmer gekommen. Hatte sich Daimler nach Renschlers Worten für einen Sturm gewappnet, so ist ein Hurrikan gekommen. Der Absatz von Daimler Trucks mit Marken wie Mercedes-Benz, Freightliner (USA) und Mitsubishi Fuso (Japan) sackte um 45 Prozent ab. Da in Japan (Renschler: "Der Markt liegt seit langem im Koma") und den USA Umstrukturierungen erforderlich waren, sank die Zahl der Arbeitskräfte weltweit binnen Jahresfrist um knapp 10 500 (Stand Ende Dezember 2009) auf 70 700 Männer und Frauen. Unter anderem wegen der Kosten für den Abbau rutschte die Sparte in die Verlustzone und verbuchte ein negatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern von 1,0 Milliarden Euro (Vorjahr: 1,6 Milliarden Euro Gewinn). Dank der Kurzarbeitsregelung in Deutschland - die es in den USA zum Beispiel nicht gibt - kam Daimler in Deutschland ohne Entlassungen aus. Zumindest bis Mitte 2010 wird die Kurzarbeit in Deutschland fortgesetzt. Danach, so sagte Renschler, müsse der Auftragslage entsprechend neu entschieden werden.

Der Nutzfahrzeugchef geht davon aus, dass mittlerweile das Schlimmste überstanden ist. So lag der Auftragseingang im Januar um 58 Prozent über Vorjahr. Renschler erwartet aber, dass es teilweise Jahre dauern wird, bis sich die Märkte vollständig erholt haben. 2010 soll besser werden als das Vorjahr (aber womöglich um 40 Prozent schlechter als 2008) und einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 200 Millionen Euro bringen. Es herrscht Bescheidenheit. Renschler: "Ich wäre schon froh, wenn in zwei oder drei Jahren das Niveau von 2004 wieder erreicht würde." Zum Vergleich: damals verkaufte Daimler 408 000 Lastwagen (über 3,5 Tonnen) - gegenüber 210 000 im vorigen Jahr.

Angesichts der Turbulenzen auf dem Markt mag der Chef die Leistung seiner Truppe nicht am Absatz messen. Für aussagekräftiger hält Renschler in Krisenzeiten die Entwicklung der Marktanteile. Dabei, so sagt er, habe Daimler Trucks keine Schwäche gezeigt und die Weltmarktführerschaft bei mittleren und schweren Lastwagen behauptet. Allerdings ist der weltweite Marktanteil der Stuttgarter binnen Jahresfrist auf 11,0 (Vorjahr: 15,2) Prozent geschrumpft. Hatte Daimler 2008 noch einen fast doppelt so hohen Marktanteil wie die Nummer zwei, so sind dem Konzern mittlerweile die beiden chinesischen Anbieter FAW First Automotive Works und Dongfeng ganz dicht auf den Fersen. Renschlers Ziel ist, die Position des Weltmarktführers zu halten.

Gleichwohl könnte er mit dem (vorübergehenden) Verlust der Spitzenposition leben, weil der Grund dafür das noch nicht ausgeschöpfte Potenzial auf globalen Wachstumsmärkten wie Indien und China ist. So wartet Renschler ungeduldig auf die Genehmigungen der chinesischen Regierung für das Gemeinschaftsprojekt mit Foton; mit dem Partner selbst ist sich Daimler seit August 2008 einig. Renschler tröstet sich damit, dass außer Iveco noch kein westlicher Lastwagenhersteller die Genehmigung für den Start in China erhalten hat. Auf die Bedingung, die die Italiener akzeptiert haben, würde sich Renschler aber nicht einlassen: die Fertigung der eigenen aktuellen Baureihe in China. Daimler möchte lieber eine ältere Motorengeneration aus eigenem Haus in Foton-Fahrzeuge einbauen. Renschler: "Knowhow ist der zentrale Wettbewerbsvorteil, den wir gegenüber dem billigeren Wettbewerb in China haben. Und diesen Vorteil geben wir nicht leichtfertig preis." Daimler setzt weiter auf Foton und sucht nicht nach Alternativen. In Indien darf Daimler anders als in China ohne industriellen Partner arbeiten und tut dies auch; Pläne mit Hero hatten sich zerschlagen. Vertriebskooperationen kann sich Renschler aber vorstellen.
 
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